5 Minuten bevor der Alarm am iPhone losgeht, wache ich auf. Die innere Uhr scheint ganz gut zu funktionieren. Es ist 3 Uhr 15. Nicht unbedingt eine Zeit, zu der man von alleine freiwillig aufwacht. Vielleicht aber liegt es daran, dass es heute zur Berliner Fahrradschau geht. 5 Minuten bleibe ich noch liegen. Dann krieche ich aus dem Bett, in das ich erst zwei Stunden zuvor den Weg gefunden habe. Ausgeschlafen bin ich zwar noch nicht, aber richtig hundemüde auch nicht.

Um halb fünf muss ich in Köln am Hauptbahnhof sein. Ich hab den ersten ICE gewählt, um schon um 9.00 Uhr in Berlin zu sein. So bin ich pünktlich, wenn um 10.00 Uhr die Fahrradverrückten das schöne Ausstellungsgelände der Station Berlin am Gleisdreieck stürmen.

Meinen ursprünglichen Plan mit dem Rad nach Köln zu fahren, hatte ich beim Zubettgehen in Anbetracht meiner sehr kurzen Nacht verworfen. Nach einer Dusche und einem leckeren Espresso sitze ich im Auto. Um diese Zeit ist noch nichts los. Nur 30 Minuten später bin ich am Gleis und steige in den Zug.

Eine Bahnfahrt, die ist lustig

Der ICE ist zu dieser frühen Stunde überraschend voll. Nur ich sitze an meinem Tisch noch alleine. Das ändert sich erst in Essen. Eine blonde Endfünfzigerin und zwei Türken in den 30ern belegen die Plätze neben und gegenüber von mir. Die drei kommen schnell ins Gespräch während ich die Ausstellerliste auf der Website der Berliner Fahrradschau studiere. Weit über 200 Aussteller sind dort. Ich beginne hinten bei Z: Zullo Bikes

Bei den dreien geht es schnell auch um Politik: Angela Merkel, Erdogan, Einwanderung und die Nazi-Zeit – ist ja schon Urzeiten her, sagt die blonde Dame im breitesten Ruhrpott-Dialekt. Interessant, was manche Menschen unter Urzeiten verstehen. Bei Merkel und Erdogan kommen die drei nicht überein. Dann geht es um Gastfreundschaft. Wie zur Bestätigung lädt einer der beiden die Dame auf einen Kaffee ein, als das Servicepersonal des ICE mit Snackwagen vorbeizieht. Und ich bekomme auch gleich einen ausgegeben, für den ich mich brav bedanke.

Man wendet sich persönlicheren Themen zu. Die Vornamen werden ausgetauscht: „Ich bin die Brigitte.“ „Ahh, und ich bin der Mehmet und das ist mein Freund Murat.“ Jetzt schauen mich alle drei erwartungsvoll an … „Ja und ich bin der Joas“, sage ich lächelnd und blicke wieder auf meine Ausstellerliste, denn ich bin erst beim Buchstaben S: SON Nabendynamo

Klar, dass es nicht bei den Vornamen bleibt. Beruf, Reiseziele und -zweck werden als nächstes behandelt. Brigitte, geschieden, 28 Jahre mit einem Schrotthändler verheiratet ist auf dem Weg nach Berlin Spandau, ihre Tochter besuchen. Rückfahrt erst am Montagabend. Weitere Details erspare ich mir … Mehmet ist in der „Mobilfunkbranche“ und Murat handelt mit Autos. Reiseziel: Gifhorn, von dem sie nicht so recht wissen, wo das liegt, nur dass es von Hannover noch scheiße lange dauert, bis man da ankommt. Reisezweck: Geschäftlich. „Ahh, geschäftlich“ sagt Brigitte und hebt dabei fragend die Stimme, in der Hoffnung noch etwas mehr zu erfahren. „Geschäftlich!“, nickt Murat.

Jetzt blicken mich alle drei wieder erwartungsvoll an. „Ja, ich fahre auf eine Fahrradmesse nach Berlin.“ „Alter, Fahrrad??? Für Kinder?“ „Nein, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.“ „Alter … – ich bin schon 100 Jahre kein Fahrrad mehr gefahren”, sagt Murat. „Ich auch nicht“ ergänzt Brigitte.

Mit dieser Antwort bin ich wohl bei allen drei vom Wahrnehmungsradar verschwunden, denn bis Hannover, wo Mehmet und Murat den Zug verlassen, kann ich ungestört durch meine Ausstellerliste gehen. Ich muss mich ein bisschen sputen, weil ich erst bei R bin: Restrap … Da es jedoch noch einige Kilometer bis Berlin sind, bin ich zuversichtlich, dass ich es schaffe, mich bis A vorzuarbeiten.

Vom Regen in die … ähh vom Kaffee zum Sekt

Aber der Plan geht nicht ganz auf. Mehmet und Murat sind zwar weg, es gesellen sich jedoch zwei Pärchen zu Brigitte und mir. Zwei Männer und zwei Frauen, die auch so zusammengehören wie sie nur nach wenigen Minuten preisgeben. Korken knallen. Party ist angesagt. Unversehens steht ein Becher Sekt auf meinem Platz. „Damit Sie nicht auf dem Trockenen sitzen, wir können aber auch ruhig Du sagen, schließlich bin ich der Ältere, ich bin der Bernd”, sprudelt es aus ihm heraus und lacht.

Mit von der Partie sind noch José, der darum bittet seinen Namen portugiesisch nicht spanisch auszusprechen, also ganz weich, Joe-säh … sowie Marion und Bärbel, die beide an den Armen von oben bis unten tätowiert sind. Wer da wohl wen inspiriert hat?

Alle vier kommen aus Paderborn und wollen das Wochenende in Berlin verbringen. Ich schiele auf meine Ausstellerliste. Da aber kommt schon die nächste Frage. „Kennt Ihr eigentlich die Schlagermove in Hamburg?” Bernd scheint zum Frühstück Sabbelwasser getrunken zu haben. Er redet in einem fort.

„Müsst ihr unbedingt mal vorbeikommen, ganz tolle Veranstaltung, ich bin da schon im vierten Jahr, im ersten hatte ich tierisch Stress mit meinem damaligen Freund … ach, guck mal, Du hast ja gar keinen Sekt mehr, komm ich schenke mal nach …”  Wer sagt eigentlich, dass Rheinländer redselig seien und Ostwestfalen das Gegenteil davon? Puuh …

Als wir Berlin erreichen, bin ich bei H: Halbrad … na ja immerhin. Ich klappe den Rechner zu.

Die Berliner Fahrradschau am Gleisdreieck

Berliner Fahrradschau in der Station Berlin am Gleisdreieck in Kreuzberg

Am Hauptbahnhof angekommen, schnappe ich mir das nächstbeste Leihrad und fahre vorbei an Reichstag und Bundeskanzleramt Richtung Berlin Kreuzberg. Bereits im 8. Jahr findet die Berliner Fahrradschau statt. Die Location Station Berlin, ein altes Bahnhofsgelände mit langer Tradition, ist mir durch die Bloggerkonferenz re:publica bestens bekannt. Schon allein durch diesen Ort wirkt die Berliner Fahrradschau wie keine klassische Fahrradmesse.

„Die Fahrradschau fühlt sich seit Jahren wie ein Familientreffen an. Und so soll es auch sein. Bei uns treffen sich wirklich alle, die für’s Radfahren brennen. Da ist der Mountainbiker genauso vertreten, wie die Fixie-Fraktion, der Lastenrad-Fahrer oder der ambitionierte Rennradler. Wir kommen alle auf einen gemeinsamen Nenner: dem Fahrspaß.“

Fares Gabriel Hadid, Geschäftsführer der Berliner Fahrradschau

Familientreffen trifft es für mich ganz gut. Weniger business mehr soical, wenn ich es neudeutsch formuliere. Vielleicht liegt es am Ausstellungsgegenstand, dem Fahrrad. Mir geht es bei meinem ersten Besuch auf der Fahrradschau tatsächlich auch um den sozialen Aspekt. Ich will Leute treffen. Blogger. Fahrradblogger und alle, bei denen es in den sozialen Medien ums Fahrrad geht.

Da kenne ich einige, aber viele eben nur virtuell. Das Radelmädchen (Juliane Schumacher) und Hamburgfiets (Miriam Schattner) haben um 15.00 Uhr zum Bloggertreffen geladen. Da will ich hin.

Aber vorher bin ich noch mit Eva, Michael und Jochen verabredet. Alle drei mit eigenen Blogs. Wir lesen uns gegenseitig, kommentieren und mailen manchmal auch. Aber getroffen haben wir uns noch nie. Das ist das erste Mal. Und es ist gut 🙂 Eine Sternfahrt zum Brocken wird ins Auge gefasst. Harald Legner aus Hamburg, bestens vernetzt, Langstrecken-Enthusiast und personifizierte Kompetenz in Sachen Fahrrad, kommt wenig später noch hinzu. Sogleich zapfen wir seine Erfahrung an. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Auf der Berliner Fahrradschau mit Eva und Jochen.

Unvollständiges Gruppenbild mit Dame (von links nach rechts: Jochen, Joas, Eva). Eigentlich hätten hier noch Michael und Harald drauf gehört. Mea culpa, das wäre mein Job gewesen. 

Messerundgang und Bloggertreffen

Jochen muss leider weg, weil sein Zug geht und ich will noch vor dem Bloggertreffen um 15:00 Uhr einmal über das Gelände. Immer wieder läuft mir Gunnar Fehlau über den Weg, auf den ich heute morgen gleich als erstes getroffen bin. Noch so ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen in Sachen Fahrrad. Er hat in diesem Jahr den Candy B. Graveller ins Leben gerufen, zu dem ich auch angemeldet bin. Er drückt mir ein Plakat vom Candy B. Graveller in die Hand, das Bernd gestaltet hat, den ich gleich in der Blogger Lounge treffen werde. Auch Bernd hat einen Blog, der den wunderschönen Namen Jacominas Enkel trägt.

Gunnar Fehlau unterwegs in Sachen Candy B. Graveller

Gunnar Fehlau, Organisator des Candy B. Graveller, beim Fachsimpeln auf der Berliner Fahrradschau. 

Wie die Maus im Käseladen fühle ich mich hier. Schöne Fahrräder und tolle Asseccoires ohne Ende. Erst im Verlauf des Tages und auf der Rückfahrt schaffe ich es, die velophile Reizüberflutung  zu sortieren.

Bei meinen zahlreichen Stops schiele ich immer wieder auf die Uhr, um ja rechtzeitig beim Bloggertreffen zu sein. Als ich um kurz nach drei in der Blogger-Lounge eintreffe, sind rund 25 Leute versammelt. Auch Podcaster sind da: Regine Heidorn von Regines Radsalon, die ich erstmals in persona treffe, und Hans Dorsch von Fahrradio. Sogar Anita Posch von Bikesisters aus Wien ist angereist, die ich aber nur kurz begrüße und dann leider aus den Augen verliere. Mit-Initiatorin Jule Schumacher aka Radelmädchen treffe ich zum ersten Mal persönlich. Miriam von Hamburgfiets sage ich spontan zum nächsten Brommieloop in Hamburg zu. Die Stunde ist leider viel zu kurz. Aber ein kleiner Anfang ist gemacht, die virtuellen Bekanntschaften im Real-Life zu „materialisieren“.

Die verbleibende Zeit gehe ich mit Harald noch mal von Stand zu Stand und von Halle zu Halle. Kurz nach sechs schwinge ich mich wieder aufs Rad Richtung Hauptbahnhof. Die Rückfahrt ist angenehm ruhig, sodass ich diesen Tag in Ruhe Revue passieren lassen kann.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass mein nächstes Rad, eins mit Zahnriemen sein wird. Aber das ist eine andere Geschichte, bevor dieser Blogpost hier zu episch wird. Hätte ich ein Fahrrad mitnehmen dürfen, wäre es dieser Randonneur von Fern mit den Packtaschen von Gramm gewesen.

Chuck, eine Kollaboration von Gramm Tourpacking und Fern

Mehr Lesefutter zur Berliner Fahrradschau gibt’s hier:

Schönies BlogWir fahren nach Berlin. Overnighter – Doublenighter

Radcross: Berliner Fahrradschau 2017

Boxbike: Berliner Fahrradschau 2017 – Recap

VelostromEin stimmungsvolles Wochenende im Zeichen der Fahrrad-Kultur

Radelmädchen: Berliner Fahrradschau – Ein Rückblick

Jacominas Enkel: Fahrradschau Berlin 2017 – Faktisch alternativ

Hamburgfiets:  Schön war’s – Fahrradschau 2017 (I)

 

6 thoughts on “Berliner Fahrradschau – mein erstes Mal

  1. Mensch… da habe ich den Kettenpeitscher persönlich getroffen und wusste nicht, wer Du bist. Anyway… wir sehen uns ja auch bald wieder…. beim Candy B. Hau rein! Liebe Grüße, Bernd (Jacominas Enkel)

     
  2. Pingback: In vollen Zügen | AndrAktiv

  3. Joas, Deine Zugstory ist ja fast Horst Evers. Du und die Deutsche Bahn. Gut, dass die Gespräche nicht so spannend waren, sonst hättest Du Dich womöglich gar nicht von Deinen Mitreisenden lösen können 🙂

    In Gifhorn übrigens, habe ich auf der BFS gelernt, sitzt eine Firma, die Rahmen neu lackiert, Verzeihung, pulverbeschichtet. Die hatten so schöne Farbpaletten. Der Mann startete das Gespräch mit dem Hinweis, sie kämen von außerhalb, das müsse er gleich von vornherein sagen. Und sah mich etwas zweifelnd an, als ich meinte, ich könnte das Rad ja hinfahren (270 Kilometer, Du kennst den Impuls!).
    So eine frische Pulverbeschichtung, stellte sich dann heraus, die dauere zwei bis drei Wochen. Na gut, so lange möchte auch ich nicht in Gifhorn ausharren. Die Frage, die blieb, ist, warum kommt man zur Messe nach Berlin, wenn man sowieso glaubt, zu weit entfernt für mögliche Kunden zu sein…

     

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