Es war Freitagmittag. Das Hotel für die Nacht in Hamburg war schon gebucht. Das Ticket für die Bahnfahrt ebenso. Und dann brach diese vermaledeite Feder des Garagentors, die alles blockierte. Was ich auch unternahm, das Tor ließ sich nicht öffnen – weder mit Feingefühl, noch mit roher Gewalt kam ich an meine Rennräder. Der kontaktierte Schlosser war bereits im Wochenende. Damit hatte sich der Trip nach Hamburg für das Einzelzeitfahren Hamburg – Berlin erledigt.

Nach ein bisschen Trübsal blasen war klar, dass ein adäquater Ersatz für dieses Wochenende hermusste. Adäquat sollte in diesem Fall heißen, ungefähr die gleiche Distanz wie Hamburg – Berlin, also rund 270 km.

Und schnell musste die Tour her. Zeit noch eine ausgeklügelte Strecke zu erarbeiten hatte ich nicht, und ich wollte sie mir auch nicht nehmen. Ich wollte eine klare und einfache Route, bei der ich nicht mit einem Navigationsgerät und Akkupacks rumhampeln muss.

Kurzum: Aufs Rad setzen, losfahren, nicht über den Weg nachdenken und trotzdem ein Ziel vor Augen. Ach ja – eigentlich überflüssig zu erwähnen – schön sollte der Weg natürlich auch sein 😉

Der beste Wegweiser

Ich wohne nur einen Kilometer vom Rhein entfernt. Neben den faszinierenden Stimmungen, die er mir täglich präsentiert, ist er für mich – wie jeder Fluss – immer auch eine Art Simpel-Navigationsinstrument, hier geht es nur rauf oder unter. Links oder rechts gibt es nicht.

In der Nähe eines Flusses geht man nicht verloren. Der Weg ist klar. Daher stand nach kurzer Überlegung fest, Trier sollte das Ziel sein, entlang an Rhein und Mosel. Damit kam ich auch in etwa auf meine angepeilten 270 km.

Den Großteil des Samstags gehe ich Familienpflichten nach. Einkaufen, Sohnemann zum Sport schicken, all so ein Kram … Um 16:30 Uhr sitze ich dann endlich auf meinem schwarzen 26-Zoll-Citybike. Glücklicherweise war dieses Fahrrad der Zwangshaft des Garagentors nicht zum Opfer gefallen, weil ich es am Vortag ausnahmsweise im Keller abgestellt hatte. Der späte Startzeitpunkt stört mich nicht weiter, weil ich die Nacht sowieso durchfahren will.

Entlang an Rhein,Mosel

Nur mit Trinkrucksack, Ersatzschlauch, Pumpe, Werkzeug,  einem Akkupack fürs Handy sowie ein bisschen was zum Futtern, geht es los. Leichtes Tourgepäck sozusagen.

Die ersten 25 km bis Remagen sind mir bestens bekannt. Diese Strecke fahre ich immer, wenn ich ein bisschen auf die Tube drücken möchte, denn bis auf das kurze Stück in Rolandseck, ist sie autofrei und hat nur eine Ampel. In Remagen an der zerstörten Brücke mach ich meinen ersten Fotostop.

Erster Fotostopp in Remagen an der berühmten Brücke bzw. was davon übrig geblieben ist

Auch den nächsten Teil des Weges bis Koblenz kenn ich noch recht gut. In Mülheim-Kärlich kurz vor Koblenz fängt es an zu dämmern. Ich blicke kurz zurück. Düster hebt sich die Bauruine des hiesigen Atomkraftwerks gegen den Abendhimmel ab. Bald nach der ersten Inbetriebnahme wurde es auch schon wieder stillgelegt, weil es Unregelmäßigkeiten im Genehmigungsverfahren gab. 3,58 Mrd. Euro hat der Bau gekostet. Für den Rückbau, der sich wegen der Radioaktivität über 20 Jahre hinziehen wird, fallen noch mal 725 Mio. Euro an.

Abendpanorama mit Atomkraftwerk

Als ich Koblenz erreiche, ist es fast dunkel. Ich kenn die Stadt ganz gut. 5 Jahre habe ich hier in der Marketingabteilung  eines großen Aluminiumwalzwerks gearbeitet. Bevor ich dem Rhein den Rücken kehre, mach ich noch einen kurzen Schlenker zum Deutschen Eck, wo Rhein und Mosel aufeinandertreffen. Imposant thront die Festung Ehrenbreitstein über Rhein und Moselmündung. Die ersten 70 km sind gefahren. Schnell verdrücke ich noch eine Banane.

Deutsches E

Eine wunderbare Nacht beginnt

Ich schalte meine IXON IQ Speed Premium von Busch + Müller ein. Jedesmal freu ich mich über dieses Licht. Sie leuchtet mir breit und weit den Weg, obwohl dies in dieser Nacht fast gar nicht notwendig ist, denn wir haben Vollmond.

Die ersten 50 km an der Untermosel sind mir wohl bekannt. Ein Weindorf schließt sich hier ans andere an: Winningen, Dieblich, Kobern-Gondorf, Aken, Brodenbach. Die Namen sind mir sehr vertraut. Mit Kunden des Walzwerks waren wir hier zum Essen.

Ich bin wie in einem Rausch. Die Mosel zieht mich an ihrem Ufer entlang. Obwohl mein schwarzer Streetflyer mit recht breiten Reifen ausgestattet ist und nur 26-Zoll-Räder hat, bin ich flott unterwegs. Ich fresse einen Kilometer nach dem anderen. Auf den Straßen ist an diesem Samstagabend so gut wie nichts los. Irgendwann vor Cochem treffe ich auf einen anderen Radfahrer. Wir kommen ins Gespräch. Und siehe da, er kommt aus Köln und hat auch eine Werbeagentur. Zufälle gibt’s. In Cochem machen wir kurz gemeinsam Pause und tauschen Telefonnummern aus. Dann zieht es mich weiter.

Die Nacht ist einmalig und wunderschön: Ein riesiger Vollmond prangt am sternklaren Himmel und die Höhenzüge spiegeln sich auf der fast ganz glatten, tiefschwarzen Mosel. Zig Graustufen lassen sich in dieser Nacht ausmachen. Ein paar Mal halte ich und versuche diese Atmosphäre mit der Kamera des iPhones einzufangen. Leider vergeblich, auf den Bildern ist nur schwarzes Rauschen zu sehen. Das menschliche Auge ist doch selbst der besten Technik, um ein Vielfaches überlegen.

Mosel-Atmosphäre vom Feinsten

Hier habe ich ein bisschen mit Photoshop nachgeholfen, um in etwa zu zeigen, wie es in der Nacht war …

Einmalige Stimmung an der Mosel

Leider ließ sich diese einmalige Stimmung von der Handy-Kamera nicht richtig einfangen

Die Nacht ist angenehm mild. Irgendwann zwischen 2 und 3 lege ich hinter Traben-Trabrach noch mal eine kurze Pause ein. Ich stehe auf einem Bootssteg am Ufer der Mosel. Ich lausche in die Nacht. Nichts. Kein Ton ist zu hören. So kann es bleiben. Ich freue mich auf die Weiterfahrt. Normalerweise sind die Morgenstunden von 4 bis 6  bei Nachtfahrten die unangenehmen. Zu Müdigkeit gesellen sich die Temperaturtiefpunkte einer Nacht. Das scheint mir dieses Mal erspart zu bleiben.

Denkste! Gegen  4 zieht Nebel auf.  Ich stecke in der Suppe.  Keine 50 Meter kann ich sehen. Das ist für mich fahren wie auf der Rolle. Ich schaue nur gegen eine weiße Wand. Die Klamotten werden klamm und die Temperaturen sind merklich gefallen. Mmh, gibt es also doch noch einen unangenehmen Part. Bis kurz vor Trier begleitet mich die weiße Suppe. Dort reißt es dann auf. Es bleibt weiter unangenehm feucht.

Tourziel Trier

Als ich Trier zwischen 6 und 7 erreiche, hab ich Hunger. Am liebsten hätte ich jetzt eine Pizza. Da es aber mit den Öffnungszeiten von Pizzerien an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr morgens in Trier nicht so gut bestellt ist, entscheide ich mich für McDonald’s. 278 km habe ich auf der Uhr, als ich die Fast-Food-Kette erreiche. Tourziel erreicht 🙂

Frühstück in Trier

Energie für alle Beteiligten.

Während des Frühstücks beschließe ich, zunächst noch eine Runde durch Trier zu drehen. Durch meinen langjährigen Freund Michael, der hier seinen Zivildienst verbracht hat, kenn ich die Stadt ganz gut. An Porta Nigra und Basilika will ich auf jeden Fall vorbei.

An der Porta Nigra

Joas vor der Porta Nigra

Mit eins der schönsten Gebäude in Trier

Als ich Trier über die B 51 Richtung Eifel verlasse, geht das natürlich nicht ohne Spielereien. Mein mitgebrachtes Gorillastativ sollte doch zumindest auch noch zum Einsatz kommen: Selfies auf dem Rad …

spielerei-final

Nächstes und letztes Ziel für diesen Tag ist die Kyll. Dies ist ein linker Nebenfluss der Mosel, an dem es einen schönen Radweg geben soll. Bevor ich die Kyll erreiche, kämpfe ich mich mit meiner 8-Gangnabenschaltung diverse Steigungen hoch. Zum Glück reißt der Himmel auf, sodass die Sonne an diesem Sonntag die sonst recht frische Eifel angenehm aufwärmt und ich bestes Fahrradwetter habe.

Der Radweg entlang der Kyll ist tatsächlich ein Idyll. Ich fahre noch bis Auw an  Kyll, wo ich im Alten Pfarrhaus einkehre und ein Hefeweizen mit einem Stück Kuchen geniesse. „Kuchen mit was Leckerem“, meint der Wirt, als er mir serviert. Danach setze ich mich in die dortige Bimmelbahn, die mich im Zuckeltempo nach Köln bringt. Es ist das Ende meiner Tour.

Die 316 km entlang an Rhein, Mosel und Kyll waren sicherlich ganz anders als das, was ich  bei Hamburg – Berlin angetroffen hätte. Ich glaube, es war eine sehr gute Alternativ-Tour, die ich da gemacht habe.

Und in meinem Kopf spuckt schon die Idee, diese Tour noch einmal zu fahren, dann aber etwas erweitert: Denn vom meinem heutigen Endpunkt bis Bonn fehlt ja noch ein Stück 🙂

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Auf dem Weg zur KyllAn der Kyll

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10 thoughts on “316 km entlang an Rhein, Mosel und Kyll

  1. Chapeau! Herrlich stimmungsvolle Fotos und ein genauso gefühliger Bericht. Es macht Freude, das zu lesen. Und es war ganz sicher für Dich ein guter “Ersatz” für das verpasste HH-B. All the best – Dietmar

     
  2. Sehr schön! Schade, dass wir uns nicht in HH oder B oder zwischendurch treffen konnten. Aber diese Tour war wirklich ein perfekter Ausgleich für Dich. Wenn nicht sogar besser.

     
  3. Pingback: Lieblingsblogs Folge 40 - Coffee & Chainrings

  4. Lieber Joas, erst dachte ich ja “Erst 16:30 los, da kommt er aber nicht weit.” Wie unwissend ich war. Nachtradeln, wie cool ist das denn! Das habe ich bisher noch nicht im Erfahrungsschatz (und natürlich auch nicht diese Kilometerzahlen). Wohl aber das beruhigende Gefühl, dass es einen Fluss neben einem gibt, der die Richtung weist. Vielen Dank für den schönen Bericht. Viele Grüße, Alexandra

     
    • Ja, die Atmosphäre in dieser Nacht an der Mosel war schon einmalig. Und das mit Fluss an der Seite ist in der Tat sehr gut. Ich hab immer das Gefühl, es zieht mich förmlich an ihm entlang. Übrigens am anderen Tag, als ich entlang der Kyll fuhr und durch den Tunnel kam, wo ich oben auch ein Foto eingestellt habe, musste ich sofort an Deinen Beitrag denken http://andraktiv.de/3-touren-2-fluesse-und-1-fest 🙂 Schön, wenn sich der Kreis der Bloggerwelt so schließt.

       
  5. Pingback: Jahresendzeitfrageboben 2016 - Kettenpeitscher

  6. Hallo Joas,
    das ist ja mal ein spannender Bericht. Da sieht man doch, dass man auch in D. schöne Radtouren machen kann. Verwendest du eigentlich eine spezielle Handyhalterung? Oder nutzt du dein Handy während der Tour nicht?

     

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