Das war ganz schön verrückt. Und spontan. Als mir die Veranstaltung „Col d’Hahnheide“ bei Facebook ins Auge fiel, hab ich fast im gleichen Augenblick auf „Zusagen“ geklickt. Ich war gerade mit meiner Jahresplanung 2016 beschäftigt und hatte mir vorgenommen, dieses Jahr nicht nur in der Bonner Gegend, also im Siebengebirge, im Westerwald oder der Eifel zu fahren. Da kam mir Col d’Hahnheide mit Start an der Alsterwiese Schwanenwik in Hamburg gerade zupass.

Col d'Hahnheide

Der Treffpunkt: Alsterwiese Schwanenwik

Wie mit dem Rad von Bonn dorthin kommen und wann ich anreise, interessierte mich zum Zeitpunkt der Zusage erst einmal nicht. Irgendwie wird das schon klappen. Grob sah der Plan so aus: Mit der Bahn mit Sack und Pack, sprich Rad, nach Hamburg. Radfahren. Leute treffen. Mit der Bahn wieder zurück. Eine Übernachtung im Hotel wollte ich nicht. Schließlich ging es hier ja nur um 102 km. Das musste ja irgendwie im Verhältnis stehen.

Letzte Woche Sonntag war es dann soweit. Um 8.00 Uhr sollte es an der Außenalster losgehen. Ich entschied mich in der Woche vorher, mit dem ersten Zug am Sonntag, um 1:35 in der Nacht zu reisen. Ankunft in Hamburg war um zehn vor sieben. So hatte ich genügend Zeit, mich umzuziehen und noch etwas zu frühstücken.

Bis auf die übliche Horde grölender Köln-Touris, die aber in Düsseldorf, Duisburg und Essen den Zug schon wieder verließen, verlief die Fahrt sehr ruhig. Beim Einschlafen fiel mir ein, dass ich etwas nicht ganz Unwesentliches vergessen hatte: meine kurze Radhose mit Trägern, die ich immer drunterziehe … Ich hatte sie extra rausgelegt, über den Küchenstuhl gehängt, damit ich sie auf gar keinen Fall vergesse. Tja, da blieb sie dann auch den ganzen Sonntag schön sichtbar hängen. Gefahren bin ich dann nur mit der langen, die aber keine Träger und auch kein Polster hat. Bei nur 100 Kilometer ging das auch irgendwie.

Col d'Hahnheide wartet mich vielen Details auf.

Schön, die vielen kleinen Details bei der Tour. Da hat sich Rick Rider richtig reingehängt. Danke an Harald, der mir eins dieser Bänder hat zukommen lassen. 

Als ich in der Gegend um Bremen kurz vor 6 aufwachte, war die Landschaft leicht weiß … Es hatte in der Nacht geschneit. Das Thermometer zeigte 0 Grad. Dass wir an diesem April-Sonntag keine Spitzentemperaturen erreichen würden, hatte ich zwar auch nicht erwartet; aber von Schnee war keine Rede gewesen. Laut Vorhersage sollte es eine ziemlich feuchte Tour in Hamburg werden. Die Regenwahrscheinlichkeit lag um die 75 Prozent.

Bei meiner Ankunft in Hamburg ist jedoch überraschend viel blauer Himmel zu sehen. Die Bahnsteighalle ist sonnendurchflutet. Aber frisch ist es. Gut, dass ich die Winterhandschuhe eingepackt habe. Ich suche nach Toiletten, um mich umzuziehen. Zwei Obdachlose stehen davor und versuchen sich durch das Drehkreuz zu zwängen. Der übliche Pissoirgeruch schlägt mir entgegen. Ich hebe mein Rad über das Drehkreuz und bezahlte die 50 c. Ein Blick auf die einzig freie Toilette – ich erspare mir Details – lässt mich sofort den Rückzug antreten. Ziehe ich mich eben bei den Schließfächern um, wo ich meine Sachen lassen will.

In der Bahnhofsvorhalle weckt ein schwarzer Kaffee mit einem süßen Brötchen meine Lebensgeister. Um halb acht schwinge ich mich in den Sattel und rolle aus dem Bahnhof. Mehr als genug Zeit, um zum Treffpunkt Schwanenwik zu kommen. Verdammt, aber wieso fühlt sich der Vorderreifen so weich an? Verliert der Luft oder haben sich die grölenden Köln-Touris einen Spaß erlaubt? Einen Ersatzschlauch habe ich zwar dabei, aber erst einmal pumpe ich nach.

Kurz vor acht erreiche ich die Außenalster. 3 Leutchen stehen da. „Col d’Hahnheide“, frage ich? Nicken. Zu früh, zu kalt, um viel zu reden – selbst für eine rheinische Labertasche. Nach und nach trudeln weitere Fahrer ein. Ich prüfe immer wieder meinen Vorderreifen, hält er, oder hält er nicht. Ich beschließe, er hält …

3 Leute, die ich von Strava, Twitter, Facebook und Instagram kenne, fahren heute mit: Harald, Markus und Sebastian. Harald, von dem ich schon unzählige Fotos gesehen habe, erkenne ich sofort. Auch sein Rad, bzw. das Rad, mit dem er heute hier ist, ist mir wohl bekannt. Sehr feines Teil, allein die Soma-Reifen sind einen Blick wert. Und auch Markus mache ich gleich aus. Nur bei Sebastian, den ich lediglich von Twitter kenne, weiß ich nicht, wer es ist.

Ach ja, und dann ist da natürlich Rick Rider (Facebook-Name), der Planer und Ausrichter dieser Tour. Seitdem ich mich zu dieser Tour angemeldet habe, bin ich auch mit ihm via Facebook befreundet. Mit Liebe zum Detail hat er die Tour geplant und etliche Stunden Arbeit in die Vorbereitung gesteckt. Für die Tour hat er ein eigenes Logo entwickelt; dazu gibt es eine schön gestaltete Wertungskarte, die man mit einem richtigen Tourstempel am Zwischenziel versehen kann.  Und sogar eine kleine filmische Intro hat er produziert.
https://vimeo.com/152714936

Irgendwann nach 8 setzt sich ein Tross von rund 40 Fahrern in Bewegung. Meine Luft im Vorderrad scheint zu halten, zumindest wird es nicht wieder weicher. Nach ein paar Kilometern verlassen wir das Hamburger Stadtgebiet und gleiten am Elbe-Deich entlang. Wir haben Rückenwind und es fährt sich sehr leicht.

Toll wie wenig Verkehr hier ist. Ganz anders als ich das aus der Bonner Region kenne.
Ich lasse den Blick schweifen und genieße dieses andere Umfeld. Teilweise bläst es ganz schön kräftig von vorne. Wir kommen an der Stelle vorbei, wo im Oktober immer das Einzel- und Mannschaftszeitfahren Hamburg – Berlin gestartet wird. Das ist ja ganz schön weit außerhalb Hamburgs. Gut zu wissen, denn gedanklich habe ich das für dieses Jahr auch noch irgendwie auf dem Schirm.

Leider kann ich keine Fotos machen. Aufgrund der recht kühlen Temperaturen verabschiedet sich der Akku meines iPhones schon auf den ersten Kilometern. Auch mein mitgebrachtes Akkupak, das ich mir am Haupbahnhof extra in die Trikottasche gestopft hatte, ist leer. Ich hatte das falsche gegriffen. Das volle liegt im Schließfach im Hamburger Hauptbahn. Organisationstechnisch werde ich das noch ein bisschen üben.

Namensgeber und Zwischenziel der Tour ist der Große Hahnheider Berg, auf dem der „Lange Otto“ steht, ein 27 m hoher Holzturm, der mir viel höher vorkommt. Der Name „Langer Otto“ kommt vom ehemaligen Bürgermeister des nahen Örtchens Trittau, Otto Hergenhan, auf dessen Initiative der Turm 1974 eröffnet wurde.

Col d'Hahnheide

Der „Lange Otto“ von unten … und von oben (Bild links: Bruno / Bild rechts: Harald Legner)

Auf dem Rückweg verschwindet die Sonne. Der Himmel ist grau. Gefühlt haben wir nur noch Gegenwind. Auf den letzten 20 Kilometer tritt dann noch das ein, was die Wettervorhersage in den letzten Tagen für uns schon die ganze Woche in petto hatte: Regen …

Das tut dieser Runde und diesem Trip nach Hamburg aber keinen Abbruch. Radfahren ist halt ein Outdoor-Sport. Da wird man schon mal nass. Als wir nach 4 Stunden an der Alsterwiese Schwanenwik wieder ankommen, wird uns nur sehr schnell kalt. Der Wind weht kräftig über die Alster. Alle wollen nach Hause und ich zumindest ins Warme. Wir warten nicht auf den Rest der Fahrer. Markus begleitet mich noch bis zum Hauptbahnhof.

Wieder in Hamburg an der Alsterwiese Schwanenwik: Tour Col d'Hahnheide

Wieder zurück in Hamburg an der Alsterwiese Schwanenwik

Nachdem ich meine Sachen aus dem Schließfach befreit habe und noch für eine paar Bahnhofseindrücke eine Runde im und um den Bahnhof gedreht habe, suche ich die DB-Lounge auf. Mein Zug geht erst um 17.45 Uhr zurück nach Bonn. Die späte Abfahrtzeit hatte ich absichtlich gewählt, um bei wärmeren Wetter noch ein bisschen durch Hamburg zu fahren. So muss ich jetzt noch gut 4 Stunden warten. Aber die Zeit vergeht schnell. Ich habe meinen Rechner dabei und schaue mir die ersten Bilder von Col d’Hahnheide auf Facebook an. Heiße Suppe und Kaffee in der DB-Lounge wärmen mich schnell wieder auf.

Als ich mit dem IC durch die norddeutsche Tiefebene wieder Richtung Rheinland rausche und aus dem Fenster blicke, macht sich ein wohliges Gefühl breit. Meine Haut ist durch Sonne, Wind und Regen leicht gespannt. Ich mag dieses Gefühl. Gute Aktion, schöne Tour, nette Menschen, denke ich. So kann es 2016 weiter gehen.

Auf dem Rückweg von Col d'Hahnheide

Auf dem Weg zurück durch die deutsche Tiefebene

Snapchat-Impressionen von Col d’Hahnheide

https://www.youtube.com/watch?v=hRJ-i-qmvA0&feature=youtu.be

 

3 thoughts on “Col d’Hahnheide

  1. Pingback: Kopfsteinpflaster - Kettenpeitscher

  2. Pingback: Jahresendzeitfrageboben 2016 - Kettenpeitscher

  3. Pingback: Zum Brommieloop nach Hamburg - Kettenpeitscher

Kommentar verfassen

Ich benutze Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessern. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.
%d Bloggern gefällt das: